Livestream zum Stutthof-Prozess

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Interview 3, 10:49 Min. Zwei junge Antifaschisten Abschrift des Interviews (r-mediabase.eu) [pdf]

Abschrift Interview 3

Frage & Anmerkung
Wir sind hier vor dem Strafgericht. Da geht es um einen Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann, der im zarten Alter von 17 zur Wachmannschaft des KZs Stutthof gehörte. Jetzt seid ihr hier. Warum? Das ist ja schon, ich glaub, der 35. oder 38. Verhandlungstag.
Interviewpartnerin
Ich find’s erstmal total wichtig, dass dieser Prozess Aufmerksamkeit bekommt und auch insofern, dass sich Deutschland ja immer so sehr damit brüstet, das gut aufgearbeitet zu haben, den Nationalsozialismus und so weiter. Aber wenn man sich dann anguckt, was eigentlich konkret passiert ist, zum Beispiel wenn es darum geht, ob Täter und Täterinnen verurteilt worden sind, dann sieht das halt direkt anders aus, weil ‘n winzig kleiner Bruchteilüberhaupt verurteilt wurde und wenn, dann auch immer sehr geringe Strafen. Das heißt, wenn man konkret hinguckt, was ist da eigentlich passiert, dann ist das sehr, sehr wenig. Das ist z.B. ein Teil, warum ich das sehr wichtig finde, da nochmal so einen kritischen Blick darauf zu werfen und zu sehen: Okay, da ist eben ganz, ganz viel versäumt worden und eigentlich verpasst worden, nicht gemacht worden vom deutschen Staat. Und das ist eigentlich das Mindeste, das jetzt nochmal, wenn es denn geht, nachzuholen. Und find das krass und trist wie wenig Aufmerksamkeit das dann doch auch bekommt. Und eigentlich so verhallt. Hier stehen irgendwie leider immer nur super wenig Leute, und dementsprechend finde ich es total wichtig, das zu unterstützen und hier zumindest zu versuchen, einen Blick darauf zu werfen.
Frage & Anmerkung
Wie geht’s dir damit?
Interviewpartner
Ja, ich kann mich auf jeden Fall dem total anschließen. Total wichtig, dass es die Mahnwachen gibt. Hab da übelsten Respekt vor, dass das bei Wind und Wetter durchgezogen wird und vor allem auch weil Bedrohung durch Neonazis gibt, dass ja mehrfach Neonazis hier aufgetaucht sind. Und ja, die Menschen, die hier die Mahnwache abhalten, auch bedrohen und finde es total fatal. Ein total fatales Signal für die Neonazis, dass es hier mitten in Hamburg mitten in so einer großen Stadt mit einer großen linken Szene so wenig Resonanz gibt und so wenig Aufmerksamkeit gibt. Und hab die Befürchtung, dass das auch die Nazis als Signal nehmen, mit ihrem, ja, noch bedrohlicher aufzutreten, weiter zu morden. Und das finde ich eine ganz erschreckende Sache. Und was wir eben auch besprochen hatten, darüber gesprochen hatten, dass es ja in viele Richtungen dieses Signal gibt, auch an die Überlebenden das Signal gibt, die ja hier zum Prozess hin kommen, als Zeug*innen aussagen und das durchlebte Leid vor dem Gericht und teilweise der Öffentlichkeit nochmal durchleben und sich dem Aussetzen, auch vor dem Täter, und finde es das mindeste von Respekt zeigen dafür und Anerkennung, hier zumindest physisch zu sein. Auch wenn vielleicht von diesem Urteil selber oder dem Gerichtsprozess selber wenig zu erwarten sein kann
Frage & Anmerkung
Das glaube ich auch. Aber ich fand das gerade sehr treffend. Es betrifft auch mich, zu sagen, wenn ich über unsere Vergangenheit und unsere Geschichte nachdenke, dann geht es auch um Respekt für die Menschen. Und das ist sozusagen für mich eine Möglichkeit, diesen Menschen, den Opfern und den Menschen, die Gruppen, die hier so stark gelitten haben, Respekt zu zeigen und zu sagen: Wir wollen es nicht vergessen, wir wollen, dass das immer noch weiter aufgearbeitet wird.
Frage & Anmerkung
Was ich bei dir bemerkenswert fand, du hast das für mich jedenfalls so klar herausgebracht, dass es so ganz starken Widerspruch zwischen einer quasi offiziellen Aufarbeitung. Und es wird sozusagen offiziell gesagt Ja, wir sind die Guten. Wir haben das alles schön aufgearbeitet, aber in der Realität siehst du das und spürst du das nicht. Wie glaubst du, könnte sich das ändern?
Interviewpartnerin
Zum Beispiel, indem es solche Prozesse gibt gegen historische Nazis, indem es aktuell auch Prozesse gegen Neonazis gibt. aber eben auch was ja gerade angesprochen wurde, den Überlebenden zuzuhören. Das hätte eben damals schon passieren müssen. Überlebende haben ja auch gesprochen, aber es hat niemand zugehört, oder es wollte niemand zuhören oder die Forderungen, die gestellt wurden, denen wurde halt nicht nachgekommen. Das wäre damals ein wichtiger Punkt gewesen, und ist es eben nach wie vor: Überlebenden zuzuhören, eine Stimme zu geben. Das ist glaube ich auch ein wichtiger Teil von diesem Prozess. Es ist ja total Krass, dass Überlebende als Zeugen und Zeuginnen anreisen. Es wurde ja gerade schon beschrieben, das ist ein krasser Aufwand, das ist eine krasse emotionale Sache. Das kann retraumatisierend sein und alles Mögliche und Leute kommen trotzdem her und sprechen. Ich glaube, das ist auch ein ganz wichtiger Teil von so einem Prozess, dieses Podium zu geben und Leuten die Stimme zu geben und endlich mal zuzuhören und endlich mal nachzufragen.
Interviewpartnerin
Und um wieder den Sprung zu machen. Es wäre auch heute nach wie vor wichtig, den Betroffenen von rechter, rassistischer, antisemitischer Gewalt, die es ja immer noch gibt, zuzuhören und deren Forderungen zu unterstützen
Interviewpartnerin
Und in der Rolle würde ich mich hier auch sehen, die Forderungen von den Überlebenden, die hier anreisen und diesen Prozess eben nach wie vor total wichtig finden, dieses Anliegen zu unterstützen.
Frage & Anmerkung
Die Frage ist ja Wie kann man solche schrecklichen, systematischen Gräueltaten im Namen des deutschen Volkes (und von Teilen der deutschen Bevölkerung) kann man sowas überhaupt wieder gutmachen? Ich fand es bemerkenswert, du sprichst von Respekt und du sprichst, von den Leuten zuhören und den Leuten Stimme geben. Man kann sicher noch viel mehr machen, aber das ist sicher etwas ganz Wichtiges.
Interviewpartnerin
Ja, Wiedergutmachung… zurecht gab es auch in den Debatten um Wiedergutmachung genau Kritik an diesem Begriff?, weil natürlich kann man das nicht wiedergutmachen. Da gibt’s nichts wiedergutzumachen. Das ist einfach unbeschreiblich schrecklich, was ein Großteil der deutschen Bevölkerung gemacht hat, gemordet hat, verfolgt hat. Aber man kann zumindest versuchen, den Leuten, die das überlebt haben, das Weiterleben erträglicher zu machen, indem man versucht, sie irgendwie zu unterstützen, und auch das ist ja in vielen Punkten nicht passiert. Also auch finanzielle Entschädigungen mussten erkämpft werden. Also sozusagen alles, was es jetzt gibt an Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, wurde ja auch erkämpft, größtenteils von Überlebenden und Angehörigen.
Interviewpartnerin
Wenn’s darum geht, was könnte die Mehrheitsgesellschaft oder die Dominanzgesellschaft da irgendwie machen, würde ich immer sagen, das zu unterstützen und mitzutragen.
Frage & Anmerkung
Klasse, danke schön! Wollt ihr noch etwas sagen?
Interviewpartner
Ja, daran anschließend, was geschehen müsste. Da ist einmal die materielle Entschädigung. Und das ist für mich unvorstellbar, dass es viele Überlebende gibt, die heute ein Leben in Armut leben und die im Gegensatz zu den Tätern, die ihre Rente kriegen, irgendwie ein Häuschen haben.
[Im Hintergrund die Stimme des Moderators]
Interviewpartner
Genau.
Interviewpartner
Und es ist ja auch für viele Überlebende, die immer noch aktiv sind, und immer noch aktiv gegen, die aktiv darüber reden, was sie erlebt haben, und gegen alte und Neo-Nazis aktiv sind und kämpfen. Antifaschistisch organisiert sind. Ja, dass es für sie auch unerträglich ist, das auch heute noch Antifaschismus kriminalisiert wird und fern davon weg ist, dass es irgendwie eine imaginierte Staatsräson gäbe, die irgendwie so antifaschistisch wäre, sondern auch heute noch quasi im Antifaschismus Widerstand gegen staatliche Strukturen ist und von Repressionen krass betroffen ist.
Frage & Anmerkung
Und immer wieder wiederholende Forderungen an den Staat, seinen formellen Antifaschismus zum Leben zu bringen, indem man selbstverständlich den Opfern Unterstützung gewährt. Wenn so ein 93jähriger Mann noch so alt ist, es muss strafbewehrt sein, es muss nachverfolgt werden und es muss, so hoffe ich, zu einem Urteilsspruch kommen.
Frage & Anmerkung
Und aufpassen, dass man ein gutes Gespür dafür entwickelt, was das Ganze mit staatlichen Strukturen zu tun hat, um zu verhindern, dass solche staatlichen Strukturen sowas wieder neu ermöglichen.
Interviewpartnerin
Ja, staatliche Strukturen einerseits, aber es ist ja eben ein Zusammenspiel von staatlichen Strukturen und normaler Bevölkerung. Wie krass es ist, sich umzugucken, und genau zu sehen, es gibt krassen Antisemitismus, es gibt krassen Rassismus, es gibt rassistische Morde, es gibt rassistische Polizeigewalt und und und. Und die deutsche Gesellschaft ist weit davon entfernt, sich entschieden dagegen zu stellen, sondern im Gegenteil: Das wird die ganze Zeit weiter praktiziert.
Frage & Anmerkung
Guckst du optimistisch in die Zukunft?
Interviewpartnerin
Vielleicht geht es eher nicht darum, sich optimistisch die Zukunft auszumalen, sondern eher, was sich da für Konsequenzen für mein Handeln hier und jetzt ergeben, um eine optimistischere Zukunft vielleicht denkbar zu machen.
Frage & Anmerkung
Es ist natürlich nicht die Frage nach dem Paradies oder so. Oder ob alles Böse weggeht. Es ist hart, aber ich bin meine Zukunft, ist vielleicht nicht mehr so lang. Aber ich gucke optimistisch in die Zukunft. Mich freut das total, dass hier 10 Leute zusammengekommen sind, die die, die sich einen Kopp machen, die hier stehen wollen. Die was sagen wollen. Ob das dann irgendwann mal genug sein werden, das weiß man nicht. Keine Ahnung.
Frage & Anmerkung
Danke schön.

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