Livestream zum Stutthof-Prozess

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Interview 2, 3:46 Min. Junger Antifaschist Abschrift des Interviews (r-mediabase.eu) [pdf]


Abschrift Interview 2

Frage & Anmerkung
Warum bist du hier? Ich bin hier schon ein paar mal gewesen, weil es hier um einen Strafprozess geht. Warum bist du hier? Ich sehe dich heute zum ersten Mal.
Antwort
Ja, ich habe von Freundinnen darüber erfahren, dass dieser Prozess stattfindet. In der Presse habe ich nicht so viel mitbekommen und dachte, dass es wichtig ist, dass hier viele Leute auftauchen. Auch gerade weil es schon auch Übergriffe von Neonazis auf die Protestkundgebung hier gab. Und ich finde, dass gerade so ein Prozess, wo ein Nazi, der KZ Wächter war, der damals mit dabei war, live dabei gewesen ist, sollte wesentlich mehr
Aufmerksamkeit bekommen. Genau. Deswegen bin ich hier.
Frage & Anmerkung
Danke schön. Wenn du jetzt das erste Mal hier bist, wie empfindest du das jetzt hier?
Antwort
‘nen bisschen traurig, ehrlich gesagt, dass so wenig Leute da sind und dass es so wenig Aufmerksamkeit für solch einen Prozess gibt. Das ist sehr beispielhaft dafür, dass der Antifaschismus in Deutschland funktioniert, ohne dass es Nazis gibt. Überall findet man irgendwelche Gedenktafeln und Gedenksteine und jeder sagt, dass er mit Nazis nix zu tun haben will, außer denjenigen, die dann tatsächlich Nazis sind. Und wenn dann wirklich was passiert, wo dann ein Nazi, ein originaler Nazi vor Gericht sitzt? Da interessiert es dann doch wieder keinen. Das ist beispielhaft dafür, dass es Antifaschismus ohne Nazis in Deutschland gibt.
Frage & Anmerkung
Das finde ich interessant und für mich jetzt ganz verblüffend. Also du störst dich so ein bisschen an dieser institutionalisierten Erinnerungskultur.
Antwort
Ja, ich stör mich daran, dass es sozusagen nachgewiesen ist, dass jeder von seiner Familie auf jeden Fall weiß, dass sein Opa, seine Oma, dass seine Vorfahren im Widerstand gewesen sind. Und quasi die Nazis sind immer die anderen, und die tauchen sozusagen gar nicht auf, sondern es sind immer irgendwelche Monster, die vielleicht mal in irgendwelchen Schwarz-Weiß-Filmen gezeigt werden.
Aber dass es tatsächlich Nazi-Verbrecher aus dem Dritten Reich gibt, die noch genauso wie Oma und Opa nebendran wohnen, wie auch der Aufseher, der hier vor Gericht sitzt. Der ist 93 Jahre alt. Der ist jetzt vor Gericht, der hat mehr als 70 Jahre ganz normal in der Nachbarschaft gelebt und. Das ist eher der Normalfall ist, als dass es irgendwo mal Gerechtigkeit gegeben hat. Das finde ich ist schon ein großes Problem der deutschen Gesellschaft.
Frage & Anmerkung
Du hast vorhin gesagt, dass du enttäuscht bist, das so wenig da sind?
Antwort
Ich weiß nicht, vielleicht bin ich irgendwie ein Mensch, der sich daran gewöhnt hat, dass nur wenig Leute sich für das interessieren, was ich politisch gesehen interessant finde. Ich finde das erstaunlich viel. Ich freue mich auch, dass so viele junge Menschen da sind.
Frage & Anmerkung
Ist für dich dieses Zusammentreffen von etwas älteren Menschen und jungen Menschen etwas Besonderes.
Antwort
Ich kenne das auch schon von anderen Veranstaltungen. Von VVN BdA auf jeden Fall.
Aber vielleicht ist überrascht das falsche Wort. Ich habe auch damit gerechnet, dass wenig Leute da sind. Aber es ist doch immer wieder traurig zu sehen, dass dieses Thema eigentlich niemanden interessiert oder dass es keine breite Öffentlichkeit gerade im Bezug zu dem. Faschismus, der durch alle Parteien hinweg wieder am Aufkommen ist und durch die AfD und andere befeuert wird.
Wenn man weiß, dass es Neonazi Gruppierungen im Militär gibt, in der Polizei faschistische Strukturen, Terrororganisationen, Netzwerke in allen möglichen staatlichen Institutionen gibt, dann ist es wiederum nicht
verwunderlich, dass das alles keine Aufmerksamkeit kriegt.
Ich finde es nicht gut. Ich finde es nicht überraschend, aber beschämend.
Ich glaube, ich hab mich an was gewöhnt. Ich habe mich auch an eine “Demokratie” gewöhnt. Dachte, da kann man doch drin leben. Das ist doch alles gut. Und bin jetzt tatsächlich über weite Strecken auch manchmal
erschrocken, zutiefst erschrocken darüber, was alles offenbar wird. Was möglich ist in dieser Gesellschaft und auch tatsächlich in den Eliten oder gehobenen Strukturen oder tief im Innern dieser Strukturen. Das muss ich auch sagen, das erschreckt mich sehr.
Wenn man sich z.B. den NSU anguckt, da war es ja auch so, dass die normales Leben führen konnten, in der Nachbarschaft genauso wie der KZ Aufseher auch ein ganz normales Leben führen kann. In Deutschland ist es,
glaube ich, als Nazi sehr einfach, ein ganz normales Leben irgendwo zu führen und auch nicht aufzufallen.
Frage & Anmerkung
Wie erklärst du dir, dass in Deutschland viele Menschen vergleichsweise unbehelligt leben können? Die ne Verankerung, die Schuld haben, die mit verantwortlich sind. Wie erklärst du, dass es in Deutschland so aussieht, als ob es so einfach ist.
Antwort
Ich erkläre mir das damit, dass Deutschland den Krieg verloren hat, also besiegt worden ist und es niemals irgendwie eine Entnazifizierung aus dem deutschen Volke oder so etwas gegeben hat, sondern dass die Alliierten Deutschland besiegt haben. Und damit war Nazi-Deutschland vorbei, und es durfte nicht mehr darüber geredet werden, und dann wurde das alles einfach abgestoßen. Und niemand ist Antisemit, niemand ist rassistisch, niemand ist behindertenfeindlich oder sonstwas.
Sowas gibt alles in Deutschland nicht, weil wir eben besiegt worden sind, und deswegen war es verschwunden.
Aber es war halt trotzdem die ganze Zeit da war, durfte aber nicht benannt werden. Das ist dann der perfekte Nährboden gewesen, glaube ich. Und ist auch immer noch der perfekte Nährboden dafür, dass es sich dann halt in allen möglichen Gesellschaftsschichten ausbreitet. Und es gibt ja nie eine wirkliche Auseinandersetzung. Wenn man jetzt sagt, dass etwas rassistisch ist, dann wird man sofort in die Ecke gedrängt und sagt Ja, jetzt kommst du mit der Rassismus Keule oder sowas.
Es gibt gar kein Bewusstsein dafür, dass es vielleicht Dinge gibt in der deutschen Gesellschaft, die es anderen Menschen das Leben schwermachen. Und es gibt nicht den Willen nach einer Einsicht oder nach … Dieses Herrenmenschentum, das hat einfach nach wie vor Bestand. Deutsche wollen sich nicht einreden lassen, dass sie irgendwas Schlechtes tun.
Frage & Anmerkung
Danke schön

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