Wien, echt zu kurz [ed.]

Die Albertina

Ein 2 1/2 tägiger Ausflug von Hamburg nach Wien. Das geht nicht. Wir waren nicht an der Donau, haben nicht den Naschmarkt besucht, haben nicht das Schloß Belvedere gesehen. Ach ja, den Zentralfriedhof haben wir auch nicht gesehen. Wer erinnert sich noch an Wolfgang Ambros? Aber nun, es begann etwas verregnet am Karlsplatz. Blöd… wir waren nicht auf Regen eingestellt. Aber dann … die Albertina. Eines der bekanntesten Museen, die Sammlung Batliner von Monet bis Picasso und einiges Andere. Künstler wie Kokoschka, Bacon, Degas, Chagall und Modigliani. Wunderbares, flirrendes Spielen von Farbe, Licht und Schatten. Punkten und Strichen. Einladung zum Betrachten, zum sich Verlieren, zum sich finden. Ich kannte bis dahin nicht Rudolf Wacker. Sein holzschnitzartiges Selbstbildnis mit Puppe rührt mich ebenso an wie das fein gezeichnete Portrait seiner Mutter (in ihrem 72. Lebensjahr). Als wir langsam keine Lust mehr hatten, hatte der Regen aufgehört. Wir besuchten den Stephansdom. Der war allerdings eher eine Enttäuschung, wie auch die von Touristen überfüllte Innenstadt selbst. Allerdings eine Ausnahme, die ich nicht vergessen möchte, die Mittagspause. Das Reinthalers Beisl, eine Kneipe, in der wir ordentlich, gut und preiswert essen konnten. Das Essen und insbesondere der Kaffee war immer lecker.

Lhotzkys Literaturbuffet

Über das von mir viel geschmähte Facebook, hatte ich seit einigen Monaten einen intensiven Kontakt zu Kurt Lhotzky, dem Betreiber von Lhotzkys Literaturbuffets mit dem roten Stern aufgebaut. Nach einer Erfrischung am Karmelitermarkt besuchten wir ihn in seiner Buchhandlung. Ich hatte über seinen vielfältigen Vlog ein paar gemeinsame Ecken entdeckt, an denen wir uns in unserem Kennenlernen langhangelten. Lhotzkys Literaturbuffets kann auf Facebook gefunden werden. Sehr spannend und angenehm. Unter anderem brachte er mich auf die Fotomontagen von John Heartfield (Klaus Staeck). Vielleicht einmal ein Thema für mich. Wir gingen gleich mit drei Hinweisen, einmal sei der Prater nicht weit entfernt. Und er lege uns uns den Besuch des Festivals La Gacilly Baden Photo ans Herz. Und zeitlich vielleicht knapp, es gäbe eine sehr interessante Ausstellung “Das Rote Wien” im Karl-Marx-Hof. Übrigens ist der Buchladen sehr lebendig, sehr bunt. Viele Kunden freuten sich über die individuelle Beratung und Empfehlung. Es gibt auch viele spezielle Angebote wie Veranstaltungen zum Self-Publishing.

Prater

Wer hat noch nichts vom Prater gehört, der teils das ganze Jahr geöffnete Jahrmarkt. Den Besuch des Riesenrads haben wir verpasst, wir waren leider nicht drin. Aber der Besuch des Praters hat Spaß dgemacht. Wir hatten einen wunderschönen warmen Abend. Viele Menschen, so wollte mir scheinen, entspannten sich auf Bänken nach der Arbeit. Mir erscheint der Prater eine schöne Erweiterung der Entspannung nach der Arbeit.

Entspannung nach Feierabend Aufgenommen in Wien Österreich
Entspannung nach Feierabend Ein kleiner schattenspendender Platz für die Entspannung am Wiener Prater. Street Photography Straßenfotografie . Gesehen Wien Prater 2019.

Schönbrunn

Welche Unsummen von Ressourcen haben solche Residenzbauten verbraucht. Für mich ist es schwer, hier die Balance zum gesellschaftlichen Nutzen zu sehen, welche kulturelle und technologische Entwicklung der Gesellschaft möglich wurde. Lieber sehe ich den prassenden, pressenden und unnützen Adel.

Schloß Schönbrunn Aufgenommen in Wien Österreich
Schloß Schönbrunn Das Schloß Schönbronn in Wien. Es ist angerichtet für den Tourismus. Urban Photography Urbane Fotografie . Gesehen Wien Schönbrunn 2019.

Kultur, Architekur, Stadt und Einwohner sind zum Verzehr durch den Tourismus angerichtet.

Festival La Gacilly – Baden

Wir hatten den Tip von Kurt Lhotzky angenommen und hatten uns auf dem Weg zum Photofestival La Gacilly – Baden gemacht. In der S-Bahn saß auf der anderen Seite ein älterer Herr, auffällig. Das i-Tüpfelchen war die David-Bowie-Plakette auf seinem Hut. Er kannte ihn gar nicht. Es muss nur ein wenig schräg sein, sonst wäre es ja langweilig. Er war schon in Pension, hatte als Gastwirt eine eigene Kneipe bewirtschaftet. Er hätte schon den vollen Oldtimer Service gehabt, etwas, das von älteren Menschen schnell verstanden wird. Aber jetzt gehe es ihm gut. Er war dann schnell bei seiner seinem Jugend auf einem Bauernhof. Vielleicht war es ein einfaches und doch ausreichendes Leben? Bevor er ausstieg, gab er uns seine Visitenkarte, wir sollten uns melden, wenn wir wieder kämen.

Das Festival fand im letzten Jahr in der französischen Stadt La Gacilly statt. Dieses Jahr findet es in der österreichischen Stadt Baden statt. Künstler und Exponate bleiben gleich. Auch hier spielt das große Geld eine Rolle, nämlich die Fondation Yves Rocher. Eine Reihung “Der Geist der Bäume” von Emmanuelle Scorceletti fiel mir unangenehm auf, weil er völlig unkritisch ein Baumpflanzungsprojekt eines indischen spirirtuellen Meisters Sadghuru präsentiert. Auch eng verbandelt mit Fondation Yves Rocher. Solch geballtes religiös verbrämtes Sendungsbewußtsein von so richtig, richtig reichen Leuten Menschen geht mir auf den Sack.

Aber, das einmal gesagt, hindert es mich nicht, die Ausstellung, die Darstellung übergroßer Fotografien in der freien Natur und auf städtischen Fassaden und das Werk der Fotograf*innen zu bewundern. Ebenso die Aussagen, die damit verbunden sind. So wurde das Projekt eines riesigen Staudamms in Athiopien gezeigt, mit dem Äthiopien Strom produziert. Mit den bekannten Konsequenzen für die Zerstörung der Natur oder die Zerstörung der sozialen Strukturen von Volksgruppen. Dokumentarfotografische Blicke von Brent Stirton auf das chinesisch Projekt einer “Neuen Seidenstraßen”. Ein Volk, in denen Menschen keine eigenen Namen hatten. Ein Wildnisfotograf, der mit Hilfe von Kamerarobotern eine beängstigende Nähe zu Raubtieren zeigt. Interessante Umsetzungen komplexer Themen.

Eine anstrengende Arbeit Aufgenommen in Baden (bei Wien) Österreich
Eine anstrengende Arbeit Gartenbau im Doblhoffpark in Baden bei Wien. People at Work Arbeit . Gesehen Baden (bei Wien) Doblhoffpark 2019.

Meidling

Warum nun Meidling? Unser Hotel lag dort. Einfache Leute, der Meidlinger Markt, kleine Parkanlagen. Es war angenehm dort. Ruhiger, ich konnte besser um mich schauen, einzelne Menschen beobachten. Ein Arbeiterstadtteil. Beim Betrachten der Bilder fällt mir ihre Buntheit auf.

Straßenbauarbeiter in Meidling Aufgenommen in Wien Österreich
Straßenbauarbeiter in Meidling Beim Bau einer Einfahrt im Wiener Bezirk Meidling. People at Work Arbeit . Gesehen Wien Meidling 2019.

Ausstellung Das Rote Wien

Österreich und Wien haben eine interessante und starke Vergangenheit in der Arbeiterbewegung, die auch heute noch fortwirkt. In der frühen Zeit hat es neben der Herausbildung des Austromarxismus auch eine besonders starke Fokussierung auf die soziale Lage der Arbeiterschaft gegeben. Neben Studien des Arztes Viktor Adler “zur Lage der Ziegelarbeiter” war ein besonderes Thema der “kommunale Wohnungsbau”, dessen Wirkungen man heute noch spürt. Und Wien gilt auch heute als Beispiel für sozialen Wohnungbau und bezahlbarer Mietpreise (Stern vom 27.11.2018), siehe Link weiter unten. Auch wenn Wien einen sehr hohe Bevölkerungsdichte aufweist, hatte ich subjektiv den Eindruck von einer relativ grünen Stadt, immer wieder anzutreffenden kleinen Parkanlagen oder Märkten. Gern genutzt von den Bewohnern aus den umliegenden Wohnungen, die sich auch ganz gut kennen, oder?

  • Viktor Adler, oben erwähnt als Autor “Zur Lage der Ziegelarbeiter”, wechselte als Jugendlicher von den Deutschnationalen wegen des dort vorherrschenden Antisemitismus zur sozialdemokratischen Arbeiterbewegung.
  • “Das Wissen der Besitzenden imponiert mir nicht: Es bedeutet nichts gegenüber dem Wissen, das sich der Arbeiter unter harter Mühe aus eigener Kraft erwirbt.” Franz Schuhmeier
Karl-Marx-Hof Aufgenommen in Wien Österreich
Karl-Marx-Hof Der Karl-Marx-Hof ist einer der bekanntesten Gemeindebauten in Wien. Urban Photography Urbane Fotografie . Gesehen Wien 2019.

Hab ich eigentlich was gelernt?

Die größere Anzahl der arbeitenden Menschen, die ich in diesen Tagen aufgenommen haben, arbeiten im Bereich des Tourismus. Das ist nicht weiter verwunderlich. Ich gehe die Wege der Touristen, ich denke und sehe, ich handele als Tourist. Ich bin Tourist. Arbeitende im Tourismus-Gewerbe sind vermutlich schlechter bezahlt, schlechter ausgebildet, häufig saisonabhängig. Es ist wie beim Autokauf. Ist man an einer speziellen Marke interessiert, ist man überrascht, viele Autos dieser Marke zu sehen. Stelle ich mir die Aufgabe, arbeitende Menschen zu fotografieren, sehe ich sehr viele arbeitende Menschen. Nach einigen Rückmeldungen möchte ich folgendes festhalten:

  • Für eine “Reportage” lohnt es sich, alleine los zu gehen.
  • Für eine “Reportage” lohnt sich das Arbeiten an einem roten Faden.
  • Vor einem geplanten Ereignis lohnt es sich, kurz darüber nachzudenken, welche Fotos möchte ich machen (Überblicks- oder Detailbilder).
  • Die eigene Beschreibung häufiger überprüfen.

Galerie

 

2 thoughts on “Wien, echt zu kurz [ed.]”

  1. Lieber Ernst Wilhelm,

    danke für den schönen Bericht und die stimmungsvollen Fotos. Es ist immer faszinierend, die “eigene” Heimatstadt durch eine “fremde Linse” zu sehen. Ich werde, wenn Du gestattest, den Bericht auf meinem Blog verlinken. Es war schön, Dich und Deine Gattin hier in Wien zu treffen. Fotografie ist eben, wie Esperanto, eine “internationale Sprache” 😉
    Liebe Grüße, Kurt

  2. Spannend wie immer! Und sehr informativ, falls ich auch mal nach Wien komme. Auf meiner Liste steht die Stadt. Momentan bin ich aber mal wieder in Berlin.
    LG Wilfried Humann

Leave a Comment

%d bloggers like this: