Achtung [Bildkritik]

Das Gespräch

Einen Tag nach der Veröffentlichung meines Beitrages “Barcelona, Menschen in ihrer Arbeit” erhielt ich eine private Nachricht von Peter Zenker.

Bei deinem neuen Beitrag über “Barcelona, Menschen in ihrer Arbeit” ist mir wieder etwas massives aufgefallen, über das ich in der Vergangenheit schon häufig diskutiert habe.

Peter Zenker

Wir beschlossen zu telefonieren. Mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Arbeiterfotograf hatte Peter Zenker ein untrügliches Gespür für eine Differenz zwischen Text und Bild entwickelt. Keine unumstößliche Regel, die er daraus ableitet, aber doch eine (Heraus)Forderung. Die wichtigste Aussage meines Beitrages ist für ihn: “Menschen, die in ihrer Arbeit gezeigt werden. Was für ein deutlicher Gegensatz zu mir als Touristen.” Und seine wichtigste Kritik an meinen Bildern ist

Menschen, die in ihrer Arbeit gezeigt werden. Was für ein deutlicher Gegensatz zu mir als Touristen.” Du formulierst diesen Gegensatz, aber du löst ihn bildnerisch nicht ein. Du zeigst ihn nicht.

Peter Zenker

Peter schätzt die von mir verwendeten Aufnahmen sehr *). Er sieht in ihnen meine Wertschätzung, Ehrerbietung gegenüber den abgebildeten Personen. Nun könnte man und ich denken. Na ja, man kann ja nicht alles zeigen und dafür ist ja schließlich auch noch der Text da. Aber ist das so einfach, habe ich wirklich keine Bilder, die etwas von diesem Gegensatz zeigen. Und wenn ich diese Bilder habe, warum habe ich diese Bilder nicht ausgewählt, weiter bearbeitet und schlußendlich veröffentlicht? **) Und die Frage bleibt, was, wenn ich diese Bilder nicht habe (siehe Fazit)) ***)

  • *) Es gibt eine Ausnahme “Bauarbeiter”, dazu unten mehr.
  • **) In und nach unserem Gespräch fiel mir auch auf, daß meine Bilder im kritisierten Beitrag eigentlich kaum so etwas wie eine Interaktion zeigen, es gibt im Bild kaum Bezug zu anderen Menschen.
  • ***) John Heartfield (Arbeiter-Illustrierten-Zeitung) oder auch Klaus Staeck haben die Kunst der Fotomontage weiterentwickelt.

Peter

Peter hatte für sich schon eine Aktion unternommen. Er hatte sein Spanien Archiv (> 1200 Bilder) durchstöbert und nach Beispielen gesucht. Und Bilder gefunden, die seine ‘Forderung’ illustrieren und damit hat er auch einen ‘konstruktiven’ Weg gefunden.

Gefunden im Spanien Archiv

Bei den nächsten vier Bildern liegt das Copyright für die Aufnahmen bei Peter Zenker.

Dieses Bild zeigt den Straßenreiniger und seine Arbeit, umgeben von einer großen Menge von Touristen.
Er ist allein. Bei einer Arbeit, die mit Dreck, Schmutz und Gestank verbunden ist, entsorgt er den Abfall der Touristen.
Copyright Peter Zenker
Die Straßenhändlerin, bearbeitet und veröffentlicht.
Version 1 Copyright Peter Zenker
Gefunden im Archiv
Die Straßenhändlerin, hier mit sozialem Bezug.
Original im Archiv, Copyright Peter Zenker
Gefunden im Archiv
Alternatives Motiv, mit intensiver sozialer Interaktion.
Copyright Peter Zenker

Kannst du dir das vorstellen? Ich habe das weggeschnitten und weggelassen!

Peter Zenker

Peter stellte fest, daß er vermutlich um des vermeintlich schönen Bildes willen, das Originalbild beschnitten hatte, und die Wirklichkeit, die schwierige Beziehung zwischen der Händlerin und der Touristin, gemütlich mit einer Bekannten im Straßencafe sitzend, weggeschnitten hatte. Vielleicht hätten in diesem Falle alle drei Bilder zusammen die Geschichte ergeben.

Einzelkritik am Bauarbeiter

Bauarbeiter Aufgenommen in Barcelona Spanien
Bauarbeiter an der Sagrada Familia

Scheißgitter. Was machen eigentlich die beiden Hähne da im Bild?

Peter Zenker

Wie oben erwähnt, ist in meiner Reihe ein Bild dabei, an dem Peter gestalterische Kritik anbringt. Das nebenstehende Bild zeigt einen Bauarbeiter am frühen Morgen an der Sagrada Familia. Peter bemängelt, das das Bild durch das Gitter eigentlich nicht verstanden wird. Der Arbeiter ist nur schwer zu erkennen, ebenso nur schwer zu erkennen, was dort eigentlich passiert. Es ist ihm zu “verkünstelt”. Nun finde ich “verkünstelt” etwas polemisch und mir gefällt die Verfremdung, die durch das Gitter entsteht. Aber, Peter hat Recht, die Aufnahme hat in einer Reihe von Bilder, die Menschen bei der Arbeit zeigen, nichts zu suchen.

Ernst Wilhelm

Gefunden im Barcelona Archiv

Straßenreiniger Aufgenommen in Barcelona Spanien
Gefunden im Archiv.
Der “Straßenreiniger” bereitet einen sauberen Platz für den täglichen Andrang der Touristen vor.
Losverkäufer Aufgenommen in Barcelona Spanien
Gefunden im Archiv.
Der ältere Herr hat, fast in kindlicher Erwartung, ein Los in der Hand. Der Losverkäufer schaut konzentriert auf den Tisch vor sich und scheint etwas zu prüfen.
Hoffentlich fällt nichts herunter Aufgenommen in Barcelona Spanien
Bereits veröffentlicht im Beitrag Barcelona, Menschen in ihrer Arbeit .
Hoffentlich fällt nichts herunter
Hier ist der Arbeiter mit dem Gefahrgut ‘freigestellt’. Er ist mit seinem Arbeitsmittel sehr viel besser zu sehen, aber er wird in seiner sozialen Beziehung isoliert.
Vorsicht Gefahrgut Aufgenommen in Barcelona Spanien
Gefunden im Archiv.
Vorsicht Gefahrgut
Der Transportarbeiter ist kaum zu sehen. Er muss mit einem Einkaufswagen Regalbretter entsorgen, Bei diesem Bild wird das Risiko dieses Transportes auch für die ihm entgegenkommenden Touristen deutlich.

Fazit

Wenn ich mir das jetzt so anschaue, dann gebe ich Peter Recht. Meine Hauptaussage “Menschen, die in ihrer Arbeit gezeigt werden. Was für ein deutlicher Gegensatz zu mir als Touristen” wird bildnerisch nicht eingelöst und das ändert sich auch mit den ‘neuen’ Bildern nicht. Das ist aber auch nichts Schlimmes.

Es ist eine besondere Herausforderung, Gegensätze und Widersprüche oder auch nur Interaktionen zwischen Menschen zu fotografieren. Die wichtigste Regel hier ist: ich muss es mir auch vornehmen. Ich kann mich fragen, wo sind die sozialen Beziehungen oder Charakterisierungen, sehe ich soziale Widersprüche und Konflikte und wie kann ich sie abbilden?

Nach welchen Auswahlkriterien gehe ich beim Auswahlprozeß vor, soll es ein schönes Bild werden? Dann gilt es aufzupassen, ob ich damit nicht wichtige soziale Informationen aus dem Umfeld weglasse.

Habe ich keine passenden Bilder, kann ich mir eingestehen, daß da etwas wichtiges offen geblieben ist. Dann nehme ich es mir neu vor: welche sozialen Beziehungen oder Widersprüche und Konflikte sehe ich. Wie Peter für sich beschlossen hat, in Zukunft schon beim Fotografieren und dann bei der Bearbeitung stärker auf die Zusammenhänge seiner sozialen Ausrichtung und den Motiven zu achten.

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Kommentare

1 thought on “Achtung [Bildkritik]”

  1. ein wirklich interessanter Text und Einblick, Peter hat wohl in gewisser Weise recht… Kritik und Reflexion hat auch was fruchtbares und ich denke daraus kann man viel lernen….auch ich!

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