Sozialvertrag über Fotografie

Braucht es vielleicht so etwas wie eine zivile Wiederaneignung des Bildes oder des Bildbegriffes?

In Anlehnung an Rousseau, Benjamin, Arendt, Deleuze, Lyotard und andere schlägt sie1) den Begriff eines “fotografischen Sozialvertrags” vor. Damit verbunden ist der Gedanke, die Fotografie sei eine Praxis, bei der die verschiedenen an ihr beteiligten Akteure – diejenigen, die mit ihnen Fotos machen; diejenigen, von denen Fotos gemacht werden; diejenigen, die Fotos betrachten – in eine vertragsähnliche Beziehung zueinander treten, welche eine spezifische Form von Zivilität und Bürger_innenschaft sowohl herstellt wie bedingt.

1) Gemeint ist die israelische Philosophin und Fototheoretikerin Ariella Azoulay, die diesen Vorschlag im konkreten Kontext des israelisch-palästinensischen Konfliktes macht.

Die Anerkennung des Anderen, die Verantwortung für das fotografisch Aufgenommene und für die je eigene Rolle in den Prozessen, die zu einer Fotografie führen, stören auf verunsichernde , politische Weise die Gewissheit über Eigentumsverhältnisse und Autorschaft. Einzelne Fotografien und “die Fotografie” als kooperatives oder konflitkhaftes Ereignis werden in diesem Sinne zu einer geteilten, interaktiven und damit ethischen Angelegenheit. Die Betrachtung einer Fotografie erschöpft sich dann nicht in ihrer Interpretation entlang ästhetischer Kriterien, sondern involviert eine Verpflichtung, die Herrschaftsverhältnisse, die sich in ihr zeigen, mit den Kompetenzten einer Bild-Bürgerin oder eines Bild-Bürgers zu analysieren und zu kritisieren – und damit den Funktionen militärischer Kontrolle oder politischer Manipulation zu entwinden.

Zwischen den verschiedenen Seiten einer fotografischen Handlung entsteht also eine verpflichtende Bürgerschaft des fotografi-schen Bildes, die ich als Objekt, als Rezipient oder als Produzent annehmen kann. Dabei geht es nicht nur um Verantwortung im ethisch-moralischen Sinn, sondern um politisches Handeln in der Auseinandersetzung mit Bildern und mit Infrastrukturen der Bildlichkeit. Das betrifft auch und vor allem widerständige Bildpraktiken.

Felix Koltermann: FOTOGRAFIE UND KONFLIKT – INTERVIEWS UND GESPRÄCHE, S.28, BoD Norderstedt, 2016
Tom Holert, Kunsthistoriker, antwortet an gleicher Stelle

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